Die Macht der Neugier: Systemisches Nicht-Wissen im Alltag

 


Die Macht der Neugier: Warum „Nicht-Wissen“ deine neue Superkraft ist

​Hand aufs Herz: Wie oft ertappst du dich im Alltag dabei, dass du schon ganz genau weißt, warum dein Gegenüber so reagiert, wie er oder sie reagiert?

  • „Mein Partner zieht sich zurück, weil er beleidigt ist.“
  • „Meine Kollegin hat die Mail so forsch geschrieben, weil sie mich nicht leiden kann.“
  • „Mein Kind trotzt, weil es mich provozieren will.“

​Wir sind Meister darin, Gedanken zu lesen und Motive zu unterstellen. Wir glauben zu wissen. Im systemischen Coaching nennen wir das die „Expertise-Falle“. Das Problem dabei: Wenn wir glauben zu wissen, hören wir auf, wirklich hinzusehen. Wir spulen nur noch unser eigenes Drehbuch ab.

​Heute packen wir ein Werkzeug in deine Schatzkiste, das am Anfang etwas Mut erfordert, aber deine Beziehungen radikal entspannt: Das radikale Nicht-Wissen.

​Die Haltung des „Phänomenologen“

​In der systemischen Arbeit gibt es einen wunderschönen Grundsatz: Ich weiß, dass ich nichts weiß – und ich bin verdammt neugierig darauf.

​Stell dir vor, du wärst ein Forscher auf einem fremden Planeten. Wenn du dort ein Wesen siehst, das die Farbe wechselt, sagst du ja auch nicht: „Ah, das macht es bestimmt, um mich zu ärgern.“ Du würdest staunend davorstehen und dich fragen: „Spannend... was genau bringt dieses Wesen dazu, jetzt die Farbe zu verändern?“

​Genau diese Haltung der neugierigen Offenheit kannst du für deinen Alltag nutzen. Wenn du aufhörst, die Absichten der anderen zu interpretieren, passiert etwas Magisches: Der Ärger verfliegt, und es entsteht Raum für echte Verbindung. Du steigst aus dem Bewertungs-Modus aus und gehst in den Entdecker-Modus.

​Vom Vorwurf zur echten Frage

​Wenn wir glauben zu wissen, verpacken wir unsere Annahmen oft in Pseudo-Fragen, die eigentlich Vorwürfe sind: „Warum musst du immer so abblocken?“ oder „Warum hast du das schon wieder vergessen?“

​Echtes systemisches Nicht-Wissen fragt anders. Es fragt phänomenologisch – also nach dem, was wirklich beobachtbar ist, ganz ohne Urteil.

  • ​Statt: „Du bist heute wieder total schlecht gelaunt.“
  • ​Systemisch: „Ich nehme wahr, dass du heute sehr leise bist. Wie geht es dir gerade?“

​Merkst du den Unterschied im Ton? Bei der ersten Variante geht beim anderen sofort das Schutzschild hoch. Bei der zweiten Variante öffnet sich eine Tür.

​Dein Schatz-Moment für heute (Die Forscher-Brille):

​Probier diese Superkraft heute bei der nächsten Gelegenheit aus, wenn dich jemand irritiert oder triggert:

  • Schritt 1: Ertappe dich selbst. Sobald du merkst, dass du ein Urteil fällst („Der will mich nur blockieren...“), sag innerlich kurz „Stopp“.
  • Schritt 2: Schalte das Wissen aus. Sag dir selbst: „Ich weiß eigentlich gar nicht, was in dem anderen gerade vorgeht. Ich habe nur eine Vermutung.“
  • Schritt 3: Stelle eine neugierige Frage. Ersetze deine Behauptung durch eine echte, offene Frage. Zum Beispiel: „Wenn du das sagst, wirkt das auf mich sehr entschlossen. Magst du mir helfen zu verstehen, was dir an diesem Punkt besonders wichtig ist?“

Sei bereit, überrascht zu werden. Meistens liegen wir mit unseren inneren Drehbüchern nämlich komplett daneben.

​Schön, dass du deine Schatzkiste weiter füllst! Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, warum es „die eine Wahrheit“ eigentlich gar nicht gibt und wie uns das unfassbar frei macht.

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