Wahrheit oder Konstruktion? Systemischer Konstruktivismus
Wahrheit oder Konstruktion? Warum es „deine“ und „meine“ Realität gibt
Stell dir vor, du sitzt mit jemandem im Kino. Ihr schaut denselben Film, zur selben Zeit, auf derselben Leinwand. Nach dem Abspann geht ihr Popcorn essen und redet darüber. Plötzlich fragst du dich: „Haben wir eigentlich im selben Saal gesessen?“ Während du den Film tiefgründig und emotional fandest, fand dein Gegenüber ihn einfach nur langatmig und schlecht gescriptet.
Wer von euch hat recht? Wer besitzt die „Wahrheit“ über diesen Film?
Die systemische Antwort lautet: Ihr beide. Zu 100 Prozent.
Heute packen wir eine der befreiendsten Erkenntnisse der systemischen Welt in deine Schatzkiste: den Konstruktivismus. Keine Sorge, das klingt theoretischer, als es ist. Im Grunde bedeutet es einfach nur das „Pippi-Langstrumpf-Prinzip“: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt (oder eben auch mal, wie sie uns stresst).
Das Gehirn als Regisseur deiner Wirklichkeit
Wir glauben oft, unsere Augen und Ohren wären wie Videokameras, die die Realität eins zu eins aufzeichnen. Aber so funktioniert unser Gehirn nicht. Pro Sekunde prasseln Millionen von Reizen auf uns ein. Würden wir alle verarbeiten, würde unsere Festplatte durchbrennen.
Dein Gehirn filtert, streicht und ergänzt. Es nutzt deine bisherigen Erfahrungen, deine Erziehung, deine Werte und sogar deine aktuelle Tagesform, um aus den Reizen ein Bild zusammenzubasteln.
Das bedeutet: Wir nehmen die Welt nicht frisch und objektiv wahr, sondern wir konstruieren sie uns. Du lebst in deiner Wirklichkeit – und dein Partner, deine Chefin oder dein Kind leben in ihrer jeweils eigenen.
Warum uns das so oft in den Wahnsinn treibt
Der meiste Stress im Alltag entsteht, weil wir felsenfest davon überzeugt sind, dass unsere Konstruktion der Welt die einzig richtige „Wahrheit“ ist.
- Deine Konstruktion: „Wenn der Schreibtisch unordentlich ist, bedeutet das Chaos im Kopf.“
- Die Konstruktion deines Kollegen: „Ein kreatives Chaos beflügelt meine Produktivität.“
Wenn diese beiden Welten aufeinanderprallen und beide Recht haben wollen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Wir fangen an zu kämpfen, zu missionieren und uns zu ärgern. Dabei kämpfen wir eigentlich nur gegen die Brille des anderen.
Die Magie der Wahlfreiheit
Wenn du akzeptierst, dass deine Sicht der Dinge „nur“ eine Konstruktion deines Gehirns ist, passiert etwas Wunderbares: Du wirst frei.
Denn wenn du dir deine Wirklichkeit selbst zusammengebaut hast (oft unbewusst), dann bedeutet das im Umkehrschluss auch: Du kannst sie umbauen. Du bist nicht mehr das Opfer der Umstände, sondern der Architekt deiner Wahrnehmung. Du musst eine Situation nicht mehr schlucken, du kannst dich fragen: „Wie kann ich diese Situation noch betrachten, damit es mir damit besser geht?“
Dein Schatz-Moment für heute (Der Wirklichkeits-Check):
Wenn du dich das nächste Mal über die „Verkehrtheit“ oder das Verhalten eines anderen Menschen wunderst, wende dieses 3-Fragen-Tool an:
- Was ist die nackte Kamera-Perspektive? (Was würde eine Kamera sehen, ohne Bewertung? Z.B.: „Der andere hat den Raum verlassen und die Tür geschlossen.“ – Nicht: „Er ist wütend rausgestampft.“)
- Welche Geschichte baut mein Gehirn daraus? (Z.B.: „Er ignoriert mich und nimmt mich nicht ernst.“)
- Welche andere Geschichte wäre AUCH möglich? (Z.B.: „Er braucht gerade dringend fünf Minuten Ruhe, um nicht die Beherrschung zu verlieren.“)
Erlaube dir, das Monopol auf die Wahrheit aufzugeben. Es macht das Leben unheimlich viel leichter und bunter.
Möchtest du deine Schatzkiste weiter füllen? Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, warum wir alle Teil eines riesigen unsichtbaren Beziehungsnetzes sind und warum niemand eine Insel ist.

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