Was ist eigentlich "systemisch"?

Hast du dich schon mal über das Verhalten eines Kollegen geärgert? Oder darüber, dass dein Partner oder deine Partnerin schon wieder vergessen hat, den Müll rauszubringen? Meistens ist unsere Reaktion darauf reflexartig: Wir suchen den Fehler bei der anderen Person (oder bei uns selbst) und versuchen, sie zu ändern. Das klappt selten.

​Genau hier setzt die systemische Sichtweise an. Sie ist keine graue Theorie, sondern ein sehr praktisches Werkzeug für deinen Alltag.

​Das Mobile-Prinzip: Nichts passiert im luftleeren Raum

​Stell dir ein Mobile vor, das über einem Kinderbett hängt. Wenn du an einer einzigen Figur ziehst, was passiert? Das gesamte Mobile gerät in Schwingung. Jedes einzelne Teil bewegt sich mit.

​Genau so funktioniert dein Leben. Du bist keine isolierte Insel. Du bist Teil von Systemen: deiner Familie, deiner Beziehung, deinem Team im Job.

​Wenn es im System knirscht, neigen wir dazu, auf die eine Person zu zeigen, die nervt oder „das Problem hat“. Die systemische Brille sagt dir jedoch: Schau nicht auf die Person, sondern auf das unsichtbare Band zwischen euch. Das Problem liegt fast nie in einer Person, sondern im Beziehungs-Tanz, den ihr miteinander aufführt.

​Weg von der Schuldfrage

​Wenn du systemisch denkst, hörst du auf zu fragen: „Wer ist schuld?“ oder „Warum bist du so?“. Diese Fragen führen direkt in die Sackgasse und erzeugen nur Rechtfertigungen.

​Stattdessen stellst du dir ab heute zwei viel mächtigere Fragen:

​Was ist mein Anteil an diesem Tanz? (Denn zu einem Tanz gehören immer zwei).

​Wofür ist dieses Verhalten gerade gut? (Welches Gleichgewicht versucht das System damit zu retten?).

​Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag:

​Die klassische Sicht: „Mein Chef vertraut mir nicht, er kontrolliert jeden Arbeitsschritt.“ (Chef = das Problem).

​Die systemische Sicht: Je mehr der Chef kontrolliert, desto unsicherer wirst du und machst Fehler. Je mehr Fehler du machst, desto mehr kontrolliert der Chef. Ein Teufelskreis. Ihr tanzt gemeinsam.

​Das Geniale daran? Sobald du deine Schritte veränderst, muss sich der andere mitbewegen, damit das Mobile nicht abstürzt. Du hast die Fäden wieder selbst in der Hand.

​Dein Schatz-Moment für heute (Die 3-Schritte-Praxis):

​Wähle eine Situation oder eine Person, die dich aktuell stresst, und mach folgendes Mini-Experiment:

​Schritt 1: Geh auf Distanz. Stell dir die Situation für einen Moment wie einen Film vor. Du sitzt im Kino und schaust dir selbst und der anderen Person von außen zu.

​Schritt 2: Analysiere den Tanz. Was genau tust du (oder sagst du), woraufhin die andere Person wie reagiert? Und was tust du als Reaktion darauf? Erkennst du das Muster?

​Schritt 3: Ändere einen Schritt. Nimm dir für das nächste Aufeinandertreffen vor, eine einzige Sache anders zu machen. Antworte langsamer, sag mal „Ja“, wo du sonst „Nein“ sagst, oder stelle eine Frage, statt zu argumentieren.

​Beobachte, was passiert. Du wirst überrascht sein, wie schnell sich das ganze Mobile bewegt.

​In dieser Blog-Serie werden wir Woche für Woche deine Systemische Schatzkiste mit genau solchen Werkzeugen füllen. Schön, dass du dabei bist!

​Im nächsten Beitrag zeigen wir dir, warum echtes „Nicht-Wissen“ im Alltag deine neue Superkraft werden kann

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